Gestimmtes für Unstimmige Zeiten II

Ich fürchte, dass das, was nun als erste grosse „Lockerung“ daher kommt, in der unausweichlichen Wahrheit unserer alltäglichen Erfahrung eine eher verkrampfte Angelegenheit werden wird. Trotzdem, oder gerade deswegen: Musik bewegt. Und berührt mühelos über jede Distanz hinweg.

Will man nicht mit den Vier Jahreszeiten beginnen, so weiss man bei Antonio Vivaldi nicht wo. Was immer man an den Anfang setzt und von da aus weiter vorzudringen hofft, es scheint nie mehr aufzuhören mit seinen Kompositionen. Keine Liste, die man abarbeiten könnte, sondern ein grosses Netz, in dem alles mit allem zu tun hat und mitschwingt und doch jedes für sich selber steht. Wie in einem grossen englischen Garten.

Ich mache daher einen autobiografisch angeleiteten Sprung in „medias res“ (wie die Lateinerin sagt): Vor vielen Jahren habe ich mir, damals noch auf Vinyl, die 12 Violin-Konzerte gekauft, die unter dem Namen „La Cetra“ bekannt sind. Hier sind sie in der sehr guten Aufnahme der Holland Baroque Society mit der Solistin Rachel Podger.

Für diejenigen, welche gerne Interpretationen vergleichen (und jetzt vielleicht besonders viel Zeit dazu haben), hier nochmals La Cetra: Federico Guglielmo und das L’Arte dell’Arco. Gespielt mit Schmiss und einer etwas anderen Instrumentalisierung. Und vielleicht einem Spritzer Italianita.

Von Freunden waren sie mir immer wieder empfohlen worden, ja beinahe bin ich dazu genötigt worden, sie mir endlich anzuschaffen, die Goldberg Variationen von Johann Sebastian Bach, eingespielt von Glen Gould. Je mehr ich jedoch dazu gedrängt worden bin, desto mehr habe ich mich dagegen gesträubt. Mein widerborstiges Temperament verlangte, dass nur das wirklich etwas wert sein konnte, was ich selber entdeckt hatte. (Das hat sich inzwischen etwas abgeschliffen, gemildert, aber gehört es nicht zu den Freuden des Lebens, etwas ganz selber allein zu entdecken?) Jedenfalls eines Tages sind mir die „Variationen“ von einem Freund geschenkt worden in der Form einer Tonbandkassette.

Ein Kommentator auf YouTube empfiehlt:

Try to remember the exact moment when you heard this for the first time, where you were, what you were doing, how old you were, and how this very recording reset all you thought you knew about classical music. I do think this is something you can experience only once, twice if you’re lucky.

Was mich angeht, ich lag auf dem Bett in meinem Zimmer in einem etwas heruntergekommenen Haus, in dem wir zu sechst als Wohngemeinschaft lebten. Miete für’s Zimmer und Essen: Fr. 300.-. Mit Kachelofen im Zimmer und oben unter dem Dach die Dusche und dort keine Heizung. Da habe ich sie zum ersten Mal gehört, die G – Variationen, gespielt von Glen Gould. Seither gehören sie zu dem, was ich auf die sprichwörtliche Insel mitnehmen würde – oder eben in die Quarantäne. Hier die Aufnahme von 1955 in einer ausreichend guten Qualität.

Für die Afficinados zum Vergleich Goulds Einspielung der Variationen von 1981 bei der er sich hat filmen lassen – ein erster Teil. (Die restlichen 3 Teile findet man leicht über die Suchfunktion auf YouTube).

Übrigens der originale Titel der Goldberg Variationen gedruckt 1741 lautet: Clavier Übung bestehend in einer ARIA mit verschiedenen Veränderungen vors Clavicimbal mit 2 Manualen. Also einem Chembalo mit zwei Klaviaturen. Offensichtlich daher, schwierig zu spielen auf einem modernen Konzertflügel.

Und dann… nun ja, sagt man Barock, ist er mit dabei: Georg Friedrich Händel. Hier aus dem Messias die Arie „I know that my Redeemer liveth“ in einer Minimalbesetzung. Das Byrd Ensemble mit Margaret Obenza.

Und dann gleich nochmal – die grossartige Lynne Dawson mit dem Brandenburg Consort und Stephen Cleobury in einer schon etwas älteren Aufnahme. Und mir jedenfalls… gives me the chills. Der Text lautet:

I know that my Redeemer liveth, and that He shall stand at the latter Day upon the Earth: And tho’ Worms destroy this Body, yet in my Flesh shall I see God. For now is Christ risen from the Dead, the First-Fruits of them that sleep.

Das ist aus der Bibel, dem Buch Hiob, die Verse 19:25-26 und dem ersten Korintherbrief, der Vers 15:20. Man vergisst in unseren gottfernen, vielleicht auch gottverlassenen Zeiten, in der uns alles, was nach Glauben und Christentum riecht, doch sehr fremd geworden ist, dass vergangene Glaubenszeiten ja nicht nur sehr üble Verwirrungen hervorgebracht haben, sondern auch Architektur, Philosophie, Kunst und eben auch eine Musik, die sich mühelos mit der besten unserer eigenen Zeit messen kann.

Nun zu einem heute weniger bekannten Komponisten: Mozart und Haydn verkehrten mit ihm; vom jungen Mozart ist die Episode überliefert, er habe ihn, Mozart, anlässlich des Vortrags eines Stücks gebeten, die Seiten der Partitur umzublättern. Er brachte Marie Antoinette das Klavierspielen bei. Er, ihm, ihn: Das ist Georg Christoph Wagenseil. Ehemals berühmt, ist er vielleicht darum heute nur noch wenig bekannt, weil seine Musik nicht mehr so recht als „Barock“ durchgeht, er aber auch kein echter Klassiker ist. Hier die Symphony in C Major Op 5 N° 5 gespielt vom Stuttgarter Kammerorchester unter Johannes Goritzki.

Damit dieser Beitrag aber „barockig“ endet: Hier nochmals Antonio Vivaldi, die 12 Trio Sonaten Op. 1 gespielt von oben bereits gehörten L’Arte dell’Arco.

Ja gut, ich bekenne: Ich liebe Vivaldi. Punkt.

Nik Ostertag 10.5.2020

Gestimmtes für unstimmige Zeiten I

Geschlummert hat er dieser Blog. Ich bin erstaunt, dass er immer noch rege gelesen wird – so jedenfalls sagen meine WordPress Statistiken. Nun aber haben die Umstände ein Erwachen erzwungen. Ich weiss nicht, ob ich sagen soll: „Corona sei Dank“. Jedenfalls verbringe ich mehr Zeit zuhause und so kommt es eben, dass ich da wieder einmal texte.

Dem taoistischen Grundsatz des Wu Wei folgend, dem „Handeln durch nicht Nicht-Handeln“, verzichte ich darauf, noch ein zusätzliches Mal auf den Zusammenhang zwischen dem Corona Virus und Blaise Pascal hinzuweisen. Seine Einsicht, der Mensch könne nicht allein in seinem Zimmer sitzen und so entstehe sein ganzes Unglück, ist von anderen bereits ausgiebig zitiert und kommentiert worden.

Es gibt hier auch nichts zu Manzonis Roman „Die Verlobten“ oder anderen literarischen Texten, die irgendwie mit Pest, Cholera oder Erdbeben zu tun haben. Auch keine Überlegungen zu den Gefahren der Abschaffung der Freiheitsrechte im Namen einsehbarer oder auch schwammiger Notwendigkeiten. Oder Ideen, was an letzten Lockerungen nun geschehen soll und vor allem wann.

Also kein „Mensch werde wesentlich“ und keine Politik.

Stattdessen möchte ich die Spuren einer musikalischen Reise nachzeichnen, auf die ich mich in diesen Tagen begeben habe. Der Weg führt von der Renaissance durch den Barock über die Klassik zur Romantik. Mit wenig Text von mir, vielen Verweisen auf YouTube Videos und hoffentlich anhaltender Freude. Gewählt habe ich sowohl repräsentative Stücke dieser musikalischen Epochen, als auch solche, die vielleicht weniger bekannt sind.

Los geht’s!

Gregorio Allegri – Miserere mei, Deus.

Das Miserere von Allegri wurde ursprünglich nur in der Sixtinischen Kappelle im Rahmen der Liturgie der Karwoche gesungen. Es an anderen Tagen aufzuführen, oder die Partitur zu kopieren, war streng verboten. So streng, dass bei Zuwiderhandlung die Exkommunikation drohte.

Der junge Mozart aber soll das Stück 1770 bei einem Aufenthalt in Rom am Mittwoch gehört und aus dem Gedächtnis aufgeschrieben haben. Zwei Tage später ging er zum Karfreitagsgottesdienst, um kleinere Korrekturen vornehmen zu können. Einige Zeit später schenkte er seine Abschrift Charles Burney, einem englischen Historiker. Der brachte es nach London, wo es 1771 veröffentlicht wurde. Und damit war es vorbei mit der Geheimniskrämerei

Hier die Aufnahme der Tallis Scholars von 1980, die wenn nicht die beste überhaupt, dann sicher eine der besten ist.

Wer sich für die Aufführungspraxis solcher Werke unter Einbezug des Raums interessiert, kann hier einen Eindruck bekommen – Eindrücklich auch die Sängerinnen und Sänger des Tenebrae Chores, dirigiert von Nigel Short.

Alessandro Striggio der Ältere – Messe für 40 & 60 Stimmen

Die Chormusik der Renaissance zeichnet sich unter anderem aus durch die sogenannte Polyphonie, also der Selbstständigkeit und Unabhängigkeit der Stimmen eines Stückes. Die einzelnen Stimmen werden dabei im Wesentlichen als gleichwertig gehandhabt. Ob Alessandro Striggio, Hofkomponist der Medici in Florenz, herausfinden wollte, wie weit man es dabei treiben kann? Jedenfalls schrieb er eine Messe für 40 und in einzelnen Teilen sogar 60 Stimmen. Wohlgemerkt: Nicht 40 oder 60 Sängerinnen und Sänger, sondern soviele einzeln geführte Stimmen mit ihren eigenen Melodien.

Diese Messe mit dem Namen „Missa sopra Ecco sì beato giorno“ wurde zu Striggios Lebzeiten an allen europäischen Höfen, die etwas auf sich hielten, gespielt. Aber als er 1592 starb, war sie bereits wieder in Vergessenheit geraten. Die Partitur war lange Zeit verloren geglaubt, bis sie 1976 von einem Sänger in einem französichen Archiv unter dem Namen „Strusco“ entdeckt wurde.

Hier als Playlist die Aufnahme des Concert Spirituel Ensemble unter der Leitung von Hervé Niquet. Der eigentlichen Messe vorangestellt sind fünf Stücke anderer Komponisten. Auch diese lohnt es sich, sie anzuhören. Insbesondere das einleitende, eindrückliche „Beata viscera“, hier in einem Ausschnitt einer Aufführung von 2011. Er stammt aus einem Dokumentarfilm über die Wiederentdeckung der Partitur.

Wer sich weiterhin in solchen Klängen verlieren möchte, dem sei die ausgezeichnete Playlist „Best Renaissance music vocal“, empfohlen. Zusammengestellt hat sie ein mir nicht bekannter Joseph Huber. Sehr schön, dass einige recht ungewöhnliche Stücke in die Sammlung aufgenommen worden sind. Zum Beispiel „Lamentation“ von Thomas Tallis.

Und zum Abschluss noch ein „Schmankerl“, nicht nur zum Hören sondern auch zum schauen. „Ave verum corpus“ von William Byrd mit dem Ensemble ZENE.

Am Übergang zum Barock, so lehren es die Bücher der Musikgeschichte, komponiert ein Mann, der mit vollem Namen Claudio Zuan Antonio Monteverdi heisst. Wir heutigen reduzieren das auf seinen Nachnamen. Man weiss, wer gemeint ist. Zum Beispiel genügt es zu sagen „Monteverdis Orfeo“, um bei den Eingeweiten ein lebhaftes Leuchten ins Gesicht zu zaubern. Mit dem „Orfeo“ ist eine der ersten Opern gemeint; manche sagen, die erste überhaupt. Eine Art Gesamtkunstwerk aus Instrumentalmusik, Gesang, Tanz, Bühnenbild mit allerhand möglichst überraschenden Effekten. Erzählt wird die Geschichte von Orpheus und seiner Frau Eurydice aus der griechischen Mythologie. Zwei Figuren, die seit der Antike bis in die Gegenwart in der Literatur, den bildenden Künsten und der Musik immer wieder neu behandelt werden.

Eine offensichtlich wirkungsmächtige Geschichte, die sich auch in meine Biographie eingeschlichen hat: Sie war Thema einer meiner mündlichen Prüfungen zum Abschluss meines Studiums an der Uni Zürich. Tja, das war noch ein Lernen ohne Internet.

Hier die Aufführung mit John Eliot Gardiner, dem Monteverdi Chor
und den English Baroque Soloists. Unterhalb des Videos führen Links zur Broschüre der Aufführung und dem vollständigen Libretto. Dieses stammt übrigens von Alessandro Striggio dem Jüngeren, Sohn des oben genannten Ältern.

23.4.2020 Nik Ostertag

 

Plötzliche Heiterkeit

Manchmal, und so eben auch gerade jetzt, überfällt mich eine erlösende Heiterkeit, die mich Abstand nehmen lässt von allem, worum ich mich sorgen könnte – und wie ich zu oft meine, auch sorgen sollte. Zugleich bringt mir die Heiterkeit aber alles auch näher. Sogar ganz nahe an mich heran. Nur, nun ist alles verwandelt. Als wäre aus der sehr gewöhnlichen Lupe auf meinem Schreibtisch, auf der sich etwas Staub abgesetzt hat, ein magisches Kristallglas geworden, durch das ich, ich brauchte es nur vor meine Augen zu bringen, gewiss das Geheimnis am Grund des Seins erkennen könnte.

Aber ich bin ja heiter und das heisst: Ich muss nichts. Weder bin ich gezwungen, meine eigenen Angelegenheiten, noch jene Anderer und schon gar nicht die der grossen Welt da draussen mit meinem üblichen, meist etwas sorgenvollen Blick zu betrachten. Und ich verspüre auch kein Bedürfnis, das Geheimnis am Grund des Seins erkennen zu wollen. Im Gegenteil, ich stehe einen grossen Schritt zurück von der Leinwand. Jener Leinwand, an der wir alle unsere Nasen kleben haben, verloren in der Leidenschaft unseres Glaubens, dass das, was wir auf sie projizieren, das einzig mögliche Wichtige sei.

Das gelingt mir, heiter geworden, leicht; ja ich werde innerlich dazu gedrängt, aus dem Rahmen zu fallen, mich aus dem Staub zu machen, hinter die Dinge zu sehen – wie immer diese plötzliche Anwandlung von fröhlicher Freiheit in eine Redewendung gegossen werden könnte.

Woher kommt sie, diese Heiterkeit? Ich weiss es nicht.

Meist glauben wir einen Anlass zu erkennen, durch den unsere Gefühle zu einer bestimmbaren Form finden: eine Erkältung deprimiert uns, eine schlechte Nachricht ängstigt uns, die Entdeckung, dass jemand unser Vertrauen missbraucht hat, kränkt uns. Oder positiv: die Erfüllung eines Begehrens macht uns selbstsicher, Sonnenschein bringt uns Freude, eine Liebeserklärung lässt uns schweben. Das heisst, wir machen Ereignisse, die auf uns einwirken, verantwortlich für unsere Gefühle, Stimmungen, Launen.

(Hinzuzufügen ist, dass oft ein Anlass kaum der Rede wert ist, er aber trotzdem eine grotesk grosse Wirkung auf uns haben kann. Aber das ist ein Thema für einen anderen Beitrag.)

Nicht immer sind die Gründe für den Wandel unserer Stimmungen deutlich. Wir fallen manchmal unerwartet einer Traurigkeit anheim, deren Herkunft wir uns nicht erklären können. Wie eine Müdigkeit, die uns überfällt, obwohl wir genügend lange geschlafen haben, ist da eine Stimmung. Wir stellen sie fest, wissen aber nicht, worauf wir sie zurückführen könnten.

Auch im Fall meiner eigenen, plötzlichen Heiterkeit heute sehe ich nicht, was mich nun in diesen Zustand von Leichtigkeit und Lächeln versetzt haben könnte. Noch am frühen Morgen war da nichts, was mich darauf vorbereitet hätte.

Bekannt aber dennoch erstaunlich ist, dass je nachdem in welcher Stimmung wir gerade sind, wir die Dinge ganz unterschiedlich erfahren und beurteilen. Es sind nicht die Tatsachen als solche, die unseren Umgang mit ihnen bestimmen. Die gibt es schon, die Tatsachen. Aber unsere Gefühle bestimmen mit, welche Bedeutung wir ihnen zu geben vermögen. Frustriert auf dem Heimweg von einem anstrengenden Arbeitstag ist der kalte Regen, der auf unseren Schirm prasselt, ein ganz anderer als derselbe Regen, durch den wir von einem guten Nachtessen mit guten Freunden nach Hause zurückkehren.

Meine eigene unerwartete Heiterkeit: Die Sorgen, die mich gestern noch in den Schlaf begleitet hatten und heute Morgen gleich nach dem Erwachen in Empfang genommen haben, sind fort. Selbst wenn ich müsste oder wollte, ich könnte sie als solche, als Sorgen nicht wiederfinden. Womit ich mich beschäftige, es ist dieselbe Sache. Aber dank meiner heiteren Stimmung nun erscheint sie mir so sehr anders, dass ich mir nicht erklären kann, wie ich dazu gekommen bin, sie auch nur im Geringsten wichtig zu nehmen.

Ihr merkt es: Ich versuche einer Erfahrung auf die Spur zu kommen. Schreibe mich bald von dieser, bald von jener Seite daran heran. Durchaus hoffend, mein plötzliches Glück irgendwie festzumachen. Heiterkeit auf Vorrat, damit ich mich in sie hinein versetzen kann, wenn es in Zukunft nötig sein wird. Aber sie lässt sich nicht packen und auf den Punkt bringen. Angestrengtes Nachdenken, Theorien gar, da ist nicht ihr Ding – wozu auch? Sie ist ja da, die Heiterkeit.

Aber nun wird sie allmählich ungeduldig mit meiner Schreiberei. Charmant, lächelnd – eine Verführerin – zieht sie mich fort. Hinaus, wo heiter die Sonne im Hauch einer kleinen Wolke am Himmel steht.

Postkarten

Wie kommt es, dass ich nie eine jener Postkarten zugeschickt bekomme, welche in Ferienorten, aber auch hierzulande in unterschiedlicher Qualität von Souvenierläden, Papeterien, Einkaufszentren, Bars (im Süden), auf Märkten, Hotels und an tausend anderen Orten verkauft werden? Der Umstand irritiert mich und dies umso mehr, als ich trotz ernsthaften und umfassenden Bemühungen keine Antwort auf die Frage finde.

Man sagt mir, dass die Leute heutzutage eben „mailen“ und „simseln“. Billiger, schneller und weniger aufwändig. Was die visuellen Eindrücke angeht, braucht man nicht mehr zwischen verschiedenen Sujets aus einer zwar grossen, aber doch beschränkten Auswahl am Kartenständer zu entscheiden, sondern ist frei, alles was man vor die eigene Linse bekommt, zu knipsen und sofort zu verschicken oder zu „posten“. Dagegen kommen auch jene Postkarten nicht an, bei denen sich die Hersteller nicht auf ein Bild haben einigen können, und die daher alles was touristisch bedeutsam sein könnte in ihrem kleinen Ort, auf die Fläche einer Karte drucken; die einzelnen Darstellungen in der Art eines Comichefts abgetrennt voneinander durch kleine, gezeichnete Bilderrahmen. Und, auch wenn es Dienste gibt, die es erlauben, eine Fotografie von sich selber als Postkarte zu verschicken, so ist das nicht das, was ich hier mit „von jemandem eine Karte bekommen“ meine.

Das Argument der Veränderung der Kommunikationsgewohnheiten leuchtet mir ein. Allerdings nur solange, bis ich mich frage, wie es kommt, dass die Welt voller Postkarten ist, produziert und in Ständern, Kistchen, Schaufenstern und Auslagen feilgeboten, wenn es ja anscheinend gar keine Verwendung mehr geben soll für sie.

Irgend jemand kauft diese Karten offenbar. Selbst wenn es dem homo oeconomicus inzwischen an den Kragen gegangen ist – man erinnert sich an ihn, wie man sich an den Samichlaus erinnert, an den man früher gegelaubt hat – es kann nicht sein, dass die Hersteller und die Händler von Postkarten einfach immer weiter machen, auch wenn ihre Erzeugnisse schon lange von niemandem mehr gekauft werden. Ob Kapitalismus, Sozialismus, Demokratie oder Tyrannei, es wird nur das in die Schaufenster gestellt, was auch, wenn auch vielleicht nur gelegentlich verkauft wird. Ganz ohne Nachfrage geht das mit dem Angebot nicht. (Auch wenn ich mich gelegentlich wundere über so vieles im Angebot, für das ich mir beim besten Willen keine Nachfrage vorstellen kann.)

Wie dem auch sei, jedenfalls ist es so, dass ich keine Postkarten mehr bekomme, nicht mehr wie früher, als ich wöchentlich mehrere Male am Briefkasten gestanden habe und gegrüsst wurde von bald da, bald dort in der Welt. Dazu auch jene wunderschönen gefalteten Karten in Couverts mit denen mich Freunde und vor allem Freundinnen ihrer Liebe versicherten. Goldene Zeiten!

Gewiss, sentimentale Nostalgie könnte mein Urteil trüben. Dass ich mich in der Sache Postkarten aber nicht täusche, erkenne ich an der beachtlichen Sammlung dieser Korrespondenz. Ich besitze sie ja tatsächlich noch, alle die Ordner und Schachteln voller Kitsch und Kunst, von Hand beschrieben. Ich kann beweisen, dass ich früher viele Postkarten erhalten habe und heute nicht mehr.

Der unangenehme Verdacht hat sich mir aufgedrängt, dass vielleicht nur ich es bin, auf den man es abgesehen hat. Aus einem mir unbekannten, aber sicher bösartigen Grund hat man sich – das heisst, meine „Freunde“ – gegen mich verschworen und während sich alle Welt ständig Postkarten schickt, werde ich ausgelassen. Eine traumatisierende Erfahrung, sollte sich dieser Verdacht erhärten. Ich bin das Kind, das nicht mitspielen darf?

Um nicht mit dieser doch sehr bedrückenden Ungewissheit leben zu müssen, habe ich mir überlegt, welche meiner Freunde nicht oder nur schlecht lügen können. Diese habe ich rundheraus gefragt, ob sie Postkarten erhalten oder nicht. Nein – auch sie nicht. Gelegentlich zwar schon, aber eben nur so gelegentlich, dass es statistisch vernachlässigbar ist. Also keine Verschwörung.

Vielleicht ist es ja so, dass alle diese Postkarten zwar gekauft , aber nicht verschickt werden. Vielleicht gibt es Sammler mit genügend Geld, die durch die Läden streifen und ganze Bündel von Karten kaufen, um sie dann um’s Bett aufgestapelt zu horten. Wer weiss, es wird ja alles Mögliche gesammelt, Briefmarken sind nur der Anfang. Ich habe einmal jemanden kennengelernt, der altes Militärgerät aus den Weltkriegen zusammenträgt. In seinem Garten stehen Kanonen, Munitionsanhänger, Motorräder und ein Wachhäuschen. Im Innern des Hauses finden sich Gasmasken, Gewehre, Uniformen. Warum sollte es nicht auch Sammler von Postkarten geben?

Ich habe diese Idee aber wieder fallen gelassen. Erstens gibt es zwar Sammler von Postkarten. Aber von alten Postkarten, nicht von neuen. Zweitens bin ich darauf aufmerksam gemacht worden, dass es, um die ständige Produktion und den Verkauf von Postkarten am Leben zu erhalten, eine sehr grosse Anzahl von Sammlern neuer Postkarten geben müsste – eine unwahrscheinlich grosse Anzahl.

Es ist verflixt und ich finde keine Antwort auf meine Frage. Alles scheint mehr oder wenig wahrscheinlich zu sein, empirisch aber, oder durch einen logischen Schluss ist in dieser Sache nichts zu beweisen.

Der Gedanke, dass ich wieder vermehrt Postkarten zugeschickt bekommen würde, wenn ich selber mehr verschicken würde, der ist mir natürlich auch schon gekommen. Ich habe mir daher eine Zeit lang die Mühe gemacht, wo immer ich auch hinging, Karten und Briefmarken zu kaufen, sie mit Grüssen zu versehen und zu verschicken. Aber – ich war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr überrascht – hat auch das zu gar nichts geführt. Im wörtlichen Sinn: nichts, nada, nothingness.

Ein zweitletzter, rettender Gedanke ist mir gekommen. Was, wenn zwar alle die Postkarten zwar gekauft und sogar beschrieben werden, aber dann nicht abgeschickt? Wie oft habe ich nicht selber Briefe eingepackt, um sie zur Post zu bringen. Nur um beim Auspacken am Abend zu sehen, dass sie noch immer im Rucksack waren. Es scheint unendlich schwierig, etwas zur Post zu bringen.

Aber irgendwann ist es mir doch gelungen, die Briefe einzuwerfen. Warum also nicht auch Karten? Die letzte Möglichkeit drängte sich mir auf – die Post. Was macht sie eigentlich mit allen unseren Grusskarten? Mir fiel plötzlich ein: War es nicht immer schon so gewesen, dass ich von Freundinnen, Verwandten, Bekannten gefragt war: „Hast Du eigentlich meine Karte aus meinen Ferien bekommen?“ Nein hatte ich nicht. War ich nicht Zeuge gewesen von Gesprächen, in denen einer zum anderen gesagt hatte: „Aber ich habe dir doch eine Karte geschrieben!“ Hatte ich nicht selber Karten verschickt, die nie angekommen waren?

Die Post. Der Postkartenmoloch. Das gut gehütete Geheimnis des Weltpostvereins. Die Tat einer Gruppe Wahnsinniger, vereint in… ja, in was eigentlich? Hass auf Postkarten? Sammelwut? Freude am Unglück unschuldiger Menschen, die verzweifelt auf die kleinen Zeichen liebender Zuneigung warten? Eine international tätige Sekte mit abscheulichen Ritualen und wirren Theorien, in denen zufälligerweise Postkarten eine wichtige Rolle spielen? Ein Kreis der Magier der Postkarten?

Nicht, dass es nicht Wahnsinnige gäbe (man muss nur die Zeitung lesen), abscheuliche Rituale (dito) und wirre Theorien (Facebook, YouTube). Nur weil Verschwörungstheorien abstrus sind, heisst das noch lange nicht, dass die Gläubigen unrecht haben.

Aber auch wenn mich der Gedanke fasziniert, so ganz mag er mich nicht zu überzeugen. Ein klares Gegenargument gibt es zwar nicht, aber die Argumente dafür sind auch nicht besser als jene, die bereits verworfen habe. Immerhin scheint es weniger wahrscheinlich zu sein, dass die Post die Grusskarten zu geheimen Zwecken stielt, als dass der Grund für die Abwesenheit dieser Glücksbringer in meinem Leben ein anderer sein muss.

Meine Therapeutin rät mir „es auszuhalten“. Vielleicht verschwinde meine Frage eines Tages und das ist dann Antwort genug. Im Übrigen müssten wir alle mit offenen Fragen leben. Kennzeichen eines erwachsenen Umgangs damit sei es, das, worauf es keine Antwort gebe, in einer Art aktivem Agnostizismus zu ertragen. Ich denke: Postkarten! Warum schickt mir niemand mehr eine Postkarte?

Nik Ostertag

p.s. Gut zu wissen: Karten aus Deutschland, die vorn beschrieben sind, also auf der Bildseite, sind vor 1905 erschienen. Bis zu diesem Jahr gehörte die Rückseite allein der Adresse. Ab dann wurde die hintere Seite der Postkarte geteilt, wobei die linke Seite fortan Mitteilungen vorbehalten war und man vorn auf die Bildseite nichts mehr schrieb. (Quelle)

 

 

Paris 13 November 2015

Das Morden… Paris…

Das geht mir sehr nahe. Paris ist eine Stadt, der ich mich auf besondere Weise verbunden fühle.

Mir ist, als krümmte sich die Welt unter dem Schock eines heftigen Schlags. Als zitterte sie.

Die Welt. Meine Welt. Alles das, was ich kenne. Dort wo ich lebe. Das, was ich zu verstehen glaube. Mein Zuhause. Wen ich liebe.

Was getan worden ist an diesem Wochenende, zieht sich zusammen in das Wort „Terror“. Es ist ein sehr altes Wort mit Wurzeln im Indo-Europäischen. In seiner ursprünglichen Bedeuteung wird es mit „zittern“ und „schütteln“ übersetzt.

Ich kann diesem Zittern nicht ausweichen. Zu nahe liegt der Ursprung dieser Erschütterung – geografisch und persönlich. Wenn Menschen wahllos erschossen werden, ohne persönliches Motiv, ohne die Absicht einen bestimmten Menschen zu treffen, dann bin auch ich gemeint. Dann wird auch auf mich gezielt. Auf die Meinen. Ich habe Freunde in Paris.

Nicht ausweichen, aber doch auf der Seite des Lebens bleiben.

Vor längerer Zeit habe ich hier in der Schreiberei einen Text veröffentlicht mit dem Titel „Ermutigung„. Ich habe ihn wiedergelesen. Er hat mich selber daran erinnert, worum es mir in solchen schwierigen Momenten geht: Ermutigung. Die Hoffnung wieder fröhlich sein zu können. Mich über die kleinlichen Dinge des Alltags ärgern zu können. Mich an kleinen Dingen zu freuen. Übermüdet zu sein von zu viel Arbeit. Einen Kater haben. Alle die zehntausend Dinge, die zur verrückten Vielfalt gehören, die Leben ist. Mich selber daran erinnern: Wie schrecklich es sich auch immer gebärdet, das Töten ist immer klein, armseelig klein.

Ermutigung

Wie soll man dem Allem begegnen? Einfache Antworten sind nicht zu haben. Und das heisst: dem Allem mit Vielfalt begegnen.

Denn es ist ein Kennzeichen aller dieser Lust am Töten, dass in ihr die Vielfalt des Lebendigen reduziert wird auf einige einfache Vorstellungen des Lebens, der Menschen, der Welt. Und dass in ihnen alle Fragen schon gelöst erscheinen, alle Antworten schon gegeben sind: Man weiss, wer der Feind ist. Man weiss, warum er getötet werden soll. Man weiss, was die richtige Religion, die richtige Ideologie ist und wer sie hat.

Daher geht es darum, sich diesen Vereinfachungen und diesen Sicherheiten nicht zu beugen. Nicht vorschnell zu den eigenen richtigen Antworten zu gelangen. Nicht, es sich selber mit der Vielfalt und der Lebendigkeit des Lebens einfach zu machen. Was ich im Folgenden schreibe, ist keine Antwort auf alle die bewegenden Fragen, die sich angesichts den Grausamkeiten stellen, von denen ich durch die Medien, aber auch durch selber betroffene Freunde erfahre. Aber vielleicht eine Ermutigung.

Ich habe kürzlich mit einer guten Freundin über diese Lust an der Macht und der Gewalt gesprochen. Unser Gespräch fand seinen Abschluss darin, dass sie sagte: „Ja, und man kann nichts machen“. Es ist mir erst später eingefallen, dass das nicht stimmt. Abgesehen von der konkreten Hilfe, die man – wie auch immer – durchaus leisten kann, gibt es noch etwas anderes: man kann sich des Lebens freuen.

Viktor Frankel berichtet in seinem Buch „…trotzdem Ja zum Leben sagen“* davon, wie er und seine Mitgefangenen sich im Konzentrationslager Auschwitz am seltenen Gesang der Vögel erfreuten. An einer unerwartet spriessenden Blüte jenseits des Stacheldrahtes. Warum? Weil sie in diesem Augenblick die Erfahrung machen konnten, dass die Grausamkeit und der Tod trotz ihrer übermächtigen Gegenwart nicht das Einzige sind. Die Erfahrung, dass es lebendiges Leben gibt, das wertvoll und gut ist. Weil sie sich in diesen Augenblicken daran erinnern konnten, dass Mensch sein sich nicht in der Macht zum Quälen und zum Töten erschöpft. Dass Mensch sein unendlich viel mehr ist – selbst in dieser unerträglichen Situation.

Im Wort „trotzdem“ steckt der Trotz. Und diesen Trotz brauchen wir. Die Weigerung, uns in den Sog der Ungeheuerlichkeiten hineinziehen zu lassen. Aber auch die Weigerung, zu verdrängen und gleichgültig zu sagen: „Das geht uns nichts an“. Durch dieses Trotzdem erfahren und verstehen wir, dass es nicht nur dieses Eine gibt, das mit der Angst, die es verbreitet, lähmt und erdrückt. Ja, es wird totgeschossen – nicht weit von hier. Aber es gibt auch diesen Morgen, an dem die Sonne allmählich durch die Wolken bricht und die blühende Echinacea im Garten zum Strahlen bringt. Es gibt auch die Freunde, die mich anrufen und mich zu einem Essen treffen wollen. Es gibt auch Schuhe zu putzen. Es gibt den Handwerker, der eben gekommen ist, um im Keller den neuen Sicherungskasten zu montieren. Es gibt Solidarität. Es gibt Liebe und Liebespaare. Es gibt Kinder, die schlechte Noten nach Hause bringen. Solche, die hinfallen und weinen und getröstet werden wollen. Es gibt Rockkonzerte und Fussballspiele. Gute Bücher und schlechte Laune. Zärtlichkeit. Vergebung.

Es geht nicht darum, einer netten, etwas rosa eingefärbten Romantik das Wort zu reden. Oder der selbstgenügsamen Behaglichkeit, deren Lebenszufriedenheit darin besteht, es gut zu haben, solange ein Unglück nur die Anderen trifft.

Es geht darum, dass wir nicht, bedroht vom Hassen und Töten, das aufgeben, was das Leben lebendig und wertvoll macht.

Zu meinem lebendig sein gehört hier und jetzt, dass ich mir diese Lebendigkeit nicht zerstören lassen will. Mein Leben in der Verbundenheit mit allem was liebe, was mir wert ist, an was ich glaube. Die Freunde. Schönheit. Natur. Bücher. Freiheit. Also die ganze Vielfalt, die einem Menschen möglich ist dank seiner Neugier und seiner Zuwendung.

Das schliesst Besserwisserei aus und Anteilnahme ein. Das schliesst Gleichgültigkeit aus, lässt sich aber vom Mitgefühl nicht erdrücken. Das schliesst die Lähmung aus und macht wach. Das weist die Angst in ihre Schranken. Das beendet den Kleingeist und hofft auf Weite, auf neue Horizonte. Und vor allem sagt es: Wir lassen uns die Vielfalt des Lebendigen nicht nehmen. Wir freuen uns trotzdem am Lebendigen.

Keine Antwort, kein Rezept, keine Erklärung… . Aber eine Haltung, die von vielen Menschen in leidensvoller Zeit bezeugt ist. Die grossen Namen: Viktor Frankl, Dietrich Bonhoeffer, Nelson Mandela, Janus Korcac. Und die vielen, von denen wir nur wenig mehr wissen, als die kleinen Einblicke in ihr Leben, die uns überliefert sind. Und jene Frauen und Männer, von denen wir keine Ahnung haben.

Darin liegt eine Gegenmacht. In der verletzlichen Vielfalt eines lebendigen Lebens ist mehr Stärke als in der lebensverneinenden Ideologie des Schreckens. Wie das? Weil sie mehr ist. Weil sie mehr umfasst, einschliesst, anerkennt und liebt. Der Hass, die Lust am Morden, die Arroganz der Macht ist immer reduktionistisch. Das alles hat nur sich selber und ist darum im Kern hohl. Demgegenüber steht ein lebendiges Leben, das auf seiner Verbundenheit mit der Vielfalt der Welt insistiert. Es ist reich und im Innern erfüllt. Und es kann heilend wirken. Es sagt: nicht nur dagegen sein, sondern einstehen für etwas Besseres. Es sagt: Erinnert euch daran, dass das was Euch kostbar ist, lebt.

Nik Ostertag

 

Das ungekürzte Original findet sich hier: Ermutigung.