Ich fürchte, dass das, was nun als erste grosse „Lockerung“ daher kommt, in der unausweichlichen Wahrheit unserer alltäglichen Erfahrung eine eher verkrampfte Angelegenheit werden wird. Trotzdem, oder gerade deswegen: Musik bewegt. Und berührt mühelos über jede Distanz hinweg.
Will man nicht mit den Vier Jahreszeiten beginnen, so weiss man bei Antonio Vivaldi nicht wo. Was immer man an den Anfang setzt und von da aus weiter vorzudringen hofft, es scheint nie mehr aufzuhören mit seinen Kompositionen. Keine Liste, die man abarbeiten könnte, sondern ein grosses Netz, in dem alles mit allem zu tun hat und mitschwingt und doch jedes für sich selber steht. Wie in einem grossen englischen Garten.
Ich mache daher einen autobiografisch angeleiteten Sprung in „medias res“ (wie die Lateinerin sagt): Vor vielen Jahren habe ich mir, damals noch auf Vinyl, die 12 Violin-Konzerte gekauft, die unter dem Namen „La Cetra“ bekannt sind. Hier sind sie in der sehr guten Aufnahme der Holland Baroque Society mit der Solistin Rachel Podger.
Für diejenigen, welche gerne Interpretationen vergleichen (und jetzt vielleicht besonders viel Zeit dazu haben), hier nochmals La Cetra: Federico Guglielmo und das L’Arte dell’Arco. Gespielt mit Schmiss und einer etwas anderen Instrumentalisierung. Und vielleicht einem Spritzer Italianita.
Von Freunden waren sie mir immer wieder empfohlen worden, ja beinahe bin ich dazu genötigt worden, sie mir endlich anzuschaffen, die Goldberg Variationen von Johann Sebastian Bach, eingespielt von Glen Gould. Je mehr ich jedoch dazu gedrängt worden bin, desto mehr habe ich mich dagegen gesträubt. Mein widerborstiges Temperament verlangte, dass nur das wirklich etwas wert sein konnte, was ich selber entdeckt hatte. (Das hat sich inzwischen etwas abgeschliffen, gemildert, aber gehört es nicht zu den Freuden des Lebens, etwas ganz selber allein zu entdecken?) Jedenfalls eines Tages sind mir die „Variationen“ von einem Freund geschenkt worden in der Form einer Tonbandkassette.
Ein Kommentator auf YouTube empfiehlt:
Try to remember the exact moment when you heard this for the first time, where you were, what you were doing, how old you were, and how this very recording reset all you thought you knew about classical music. I do think this is something you can experience only once, twice if you’re lucky.
Was mich angeht, ich lag auf dem Bett in meinem Zimmer in einem etwas heruntergekommenen Haus, in dem wir zu sechst als Wohngemeinschaft lebten. Miete für’s Zimmer und Essen: Fr. 300.-. Mit Kachelofen im Zimmer und oben unter dem Dach die Dusche und dort keine Heizung. Da habe ich sie zum ersten Mal gehört, die G – Variationen, gespielt von Glen Gould. Seither gehören sie zu dem, was ich auf die sprichwörtliche Insel mitnehmen würde – oder eben in die Quarantäne. Hier die Aufnahme von 1955 in einer ausreichend guten Qualität.
Für die Afficinados zum Vergleich Goulds Einspielung der Variationen von 1981 bei der er sich hat filmen lassen – ein erster Teil. (Die restlichen 3 Teile findet man leicht über die Suchfunktion auf YouTube).
Übrigens der originale Titel der Goldberg Variationen gedruckt 1741 lautet: Clavier Übung bestehend in einer ARIA mit verschiedenen Veränderungen vors Clavicimbal mit 2 Manualen. Also einem Chembalo mit zwei Klaviaturen. Offensichtlich daher, schwierig zu spielen auf einem modernen Konzertflügel.
Und dann… nun ja, sagt man Barock, ist er mit dabei: Georg Friedrich Händel. Hier aus dem Messias die Arie „I know that my Redeemer liveth“ in einer Minimalbesetzung. Das Byrd Ensemble mit Margaret Obenza.
Und dann gleich nochmal – die grossartige Lynne Dawson mit dem Brandenburg Consort und Stephen Cleobury in einer schon etwas älteren Aufnahme. Und mir jedenfalls… gives me the chills. Der Text lautet:
I know that my Redeemer liveth, and that He shall stand at the latter Day upon the Earth: And tho’ Worms destroy this Body, yet in my Flesh shall I see God. For now is Christ risen from the Dead, the First-Fruits of them that sleep.
Das ist aus der Bibel, dem Buch Hiob, die Verse 19:25-26 und dem ersten Korintherbrief, der Vers 15:20. Man vergisst in unseren gottfernen, vielleicht auch gottverlassenen Zeiten, in der uns alles, was nach Glauben und Christentum riecht, doch sehr fremd geworden ist, dass vergangene Glaubenszeiten ja nicht nur sehr üble Verwirrungen hervorgebracht haben, sondern auch Architektur, Philosophie, Kunst und eben auch eine Musik, die sich mühelos mit der besten unserer eigenen Zeit messen kann.
Nun zu einem heute weniger bekannten Komponisten: Mozart und Haydn verkehrten mit ihm; vom jungen Mozart ist die Episode überliefert, er habe ihn, Mozart, anlässlich des Vortrags eines Stücks gebeten, die Seiten der Partitur umzublättern. Er brachte Marie Antoinette das Klavierspielen bei. Er, ihm, ihn: Das ist Georg Christoph Wagenseil. Ehemals berühmt, ist er vielleicht darum heute nur noch wenig bekannt, weil seine Musik nicht mehr so recht als „Barock“ durchgeht, er aber auch kein echter Klassiker ist. Hier die Symphony in C Major Op 5 N° 5 gespielt vom Stuttgarter Kammerorchester unter Johannes Goritzki.
Damit dieser Beitrag aber „barockig“ endet: Hier nochmals Antonio Vivaldi, die 12 Trio Sonaten Op. 1 gespielt von oben bereits gehörten L’Arte dell’Arco.
Ja gut, ich bekenne: Ich liebe Vivaldi. Punkt.
Nik Ostertag 10.5.2020
