Plötzliche Heiterkeit

Manchmal, und so eben auch gerade jetzt, überfällt mich eine erlösende Heiterkeit, die mich Abstand nehmen lässt von allem, worum ich mich sorgen könnte – und wie ich zu oft meine, auch sorgen sollte. Zugleich bringt mir die Heiterkeit aber alles auch näher. Sogar ganz nahe an mich heran. Nur, nun ist alles verwandelt. Als wäre aus der sehr gewöhnlichen Lupe auf meinem Schreibtisch, auf der sich etwas Staub abgesetzt hat, ein magisches Kristallglas geworden, durch das ich, ich brauchte es nur vor meine Augen zu bringen, gewiss das Geheimnis am Grund des Seins erkennen könnte.

Aber ich bin ja heiter und das heisst: Ich muss nichts. Weder bin ich gezwungen, meine eigenen Angelegenheiten, noch jene Anderer und schon gar nicht die der grossen Welt da draussen mit meinem üblichen, meist etwas sorgenvollen Blick zu betrachten. Und ich verspüre auch kein Bedürfnis, das Geheimnis am Grund des Seins erkennen zu wollen. Im Gegenteil, ich stehe einen grossen Schritt zurück von der Leinwand. Jener Leinwand, an der wir alle unsere Nasen kleben haben, verloren in der Leidenschaft unseres Glaubens, dass das, was wir auf sie projizieren, das einzig mögliche Wichtige sei.

Das gelingt mir, heiter geworden, leicht; ja ich werde innerlich dazu gedrängt, aus dem Rahmen zu fallen, mich aus dem Staub zu machen, hinter die Dinge zu sehen – wie immer diese plötzliche Anwandlung von fröhlicher Freiheit in eine Redewendung gegossen werden könnte.

Woher kommt sie, diese Heiterkeit? Ich weiss es nicht.

Meist glauben wir einen Anlass zu erkennen, durch den unsere Gefühle zu einer bestimmbaren Form finden: eine Erkältung deprimiert uns, eine schlechte Nachricht ängstigt uns, die Entdeckung, dass jemand unser Vertrauen missbraucht hat, kränkt uns. Oder positiv: die Erfüllung eines Begehrens macht uns selbstsicher, Sonnenschein bringt uns Freude, eine Liebeserklärung lässt uns schweben. Das heisst, wir machen Ereignisse, die auf uns einwirken, verantwortlich für unsere Gefühle, Stimmungen, Launen.

(Hinzuzufügen ist, dass oft ein Anlass kaum der Rede wert ist, er aber trotzdem eine grotesk grosse Wirkung auf uns haben kann. Aber das ist ein Thema für einen anderen Beitrag.)

Nicht immer sind die Gründe für den Wandel unserer Stimmungen deutlich. Wir fallen manchmal unerwartet einer Traurigkeit anheim, deren Herkunft wir uns nicht erklären können. Wie eine Müdigkeit, die uns überfällt, obwohl wir genügend lange geschlafen haben, ist da eine Stimmung. Wir stellen sie fest, wissen aber nicht, worauf wir sie zurückführen könnten.

Auch im Fall meiner eigenen, plötzlichen Heiterkeit heute sehe ich nicht, was mich nun in diesen Zustand von Leichtigkeit und Lächeln versetzt haben könnte. Noch am frühen Morgen war da nichts, was mich darauf vorbereitet hätte.

Bekannt aber dennoch erstaunlich ist, dass je nachdem in welcher Stimmung wir gerade sind, wir die Dinge ganz unterschiedlich erfahren und beurteilen. Es sind nicht die Tatsachen als solche, die unseren Umgang mit ihnen bestimmen. Die gibt es schon, die Tatsachen. Aber unsere Gefühle bestimmen mit, welche Bedeutung wir ihnen zu geben vermögen. Frustriert auf dem Heimweg von einem anstrengenden Arbeitstag ist der kalte Regen, der auf unseren Schirm prasselt, ein ganz anderer als derselbe Regen, durch den wir von einem guten Nachtessen mit guten Freunden nach Hause zurückkehren.

Meine eigene unerwartete Heiterkeit: Die Sorgen, die mich gestern noch in den Schlaf begleitet hatten und heute Morgen gleich nach dem Erwachen in Empfang genommen haben, sind fort. Selbst wenn ich müsste oder wollte, ich könnte sie als solche, als Sorgen nicht wiederfinden. Womit ich mich beschäftige, es ist dieselbe Sache. Aber dank meiner heiteren Stimmung nun erscheint sie mir so sehr anders, dass ich mir nicht erklären kann, wie ich dazu gekommen bin, sie auch nur im Geringsten wichtig zu nehmen.

Ihr merkt es: Ich versuche einer Erfahrung auf die Spur zu kommen. Schreibe mich bald von dieser, bald von jener Seite daran heran. Durchaus hoffend, mein plötzliches Glück irgendwie festzumachen. Heiterkeit auf Vorrat, damit ich mich in sie hinein versetzen kann, wenn es in Zukunft nötig sein wird. Aber sie lässt sich nicht packen und auf den Punkt bringen. Angestrengtes Nachdenken, Theorien gar, da ist nicht ihr Ding – wozu auch? Sie ist ja da, die Heiterkeit.

Aber nun wird sie allmählich ungeduldig mit meiner Schreiberei. Charmant, lächelnd – eine Verführerin – zieht sie mich fort. Hinaus, wo heiter die Sonne im Hauch einer kleinen Wolke am Himmel steht.

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Postkarten

Wie kommt es, dass ich nie eine jener Postkarten zugeschickt bekomme, welche in Ferienorten, aber auch hierzulande in unterschiedlicher Qualität von Souvenierläden, Papeterien, Einkaufszentren, Bars (im Süden), auf Märkten, Hotels und an tausend anderen Orten verkauft werden? Der Umstand irritiert mich und dies umso mehr, als ich trotz ernsthaften und umfassenden Bemühungen keine Antwort auf die Frage finde.

Man sagt mir, dass die Leute heutzutage eben „mailen“ und „simseln“. Billiger, schneller und weniger aufwändig. Was die visuellen Eindrücke angeht, braucht man nicht mehr zwischen verschiedenen Sujets aus einer zwar grossen, aber doch beschränkten Auswahl am Kartenständer zu entscheiden, sondern ist frei, alles was man vor die eigene Linse bekommt, zu knipsen und sofort zu verschicken oder zu „posten“. Dagegen kommen auch jene Postkarten nicht an, bei denen sich die Hersteller nicht auf ein Bild haben einigen können, und die daher alles was touristisch bedeutsam sein könnte in ihrem kleinen Ort, auf die Fläche einer Karte drucken; die einzelnen Darstellungen in der Art eines Comichefts abgetrennt voneinander durch kleine, gezeichnete Bilderrahmen. Und, auch wenn es Dienste gibt, die es erlauben, eine Fotografie von sich selber als Postkarte zu verschicken, so ist das nicht das, was ich hier mit „von jemandem eine Karte bekommen“ meine.

Das Argument der Veränderung der Kommunikationsgewohnheiten leuchtet mir ein. Allerdings nur solange, bis ich mich frage, wie es kommt, dass die Welt voller Postkarten ist, produziert und in Ständern, Kistchen, Schaufenstern und Auslagen feilgeboten, wenn es ja anscheinend gar keine Verwendung mehr geben soll für sie.

Irgend jemand kauft diese Karten offenbar. Selbst wenn es dem homo oeconomicus inzwischen an den Kragen gegangen ist – man erinnert sich an ihn, wie man sich an den Samichlaus erinnert, an den man früher gegelaubt hat – es kann nicht sein, dass die Hersteller und die Händler von Postkarten einfach immer weiter machen, auch wenn ihre Erzeugnisse schon lange von niemandem mehr gekauft werden. Ob Kapitalismus, Sozialismus, Demokratie oder Tyrannei, es wird nur das in die Schaufenster gestellt, was auch, wenn auch vielleicht nur gelegentlich verkauft wird. Ganz ohne Nachfrage geht das mit dem Angebot nicht. (Auch wenn ich mich gelegentlich wundere über so vieles im Angebot, für das ich mir beim besten Willen keine Nachfrage vorstellen kann.)

Wie dem auch sei, jedenfalls ist es so, dass ich keine Postkarten mehr bekomme, nicht mehr wie früher, als ich wöchentlich mehrere Male am Briefkasten gestanden habe und gegrüsst wurde von bald da, bald dort in der Welt. Dazu auch jene wunderschönen gefalteten Karten in Couverts mit denen mich Freunde und vor allem Freundinnen ihrer Liebe versicherten. Goldene Zeiten!

Gewiss, sentimentale Nostalgie könnte mein Urteil trüben. Dass ich mich in der Sache Postkarten aber nicht täusche, erkenne ich an der beachtlichen Sammlung dieser Korrespondenz. Ich besitze sie ja tatsächlich noch, alle die Ordner und Schachteln voller Kitsch und Kunst, von Hand beschrieben. Ich kann beweisen, dass ich früher viele Postkarten erhalten habe und heute nicht mehr.

Der unangenehme Verdacht hat sich mir aufgedrängt, dass vielleicht nur ich es bin, auf den man es abgesehen hat. Aus einem mir unbekannten, aber sicher bösartigen Grund hat man sich – das heisst, meine „Freunde“ – gegen mich verschworen und während sich alle Welt ständig Postkarten schickt, werde ich ausgelassen. Eine traumatisierende Erfahrung, sollte sich dieser Verdacht erhärten. Ich bin das Kind, das nicht mitspielen darf?

Um nicht mit dieser doch sehr bedrückenden Ungewissheit leben zu müssen, habe ich mir überlegt, welche meiner Freunde nicht oder nur schlecht lügen können. Diese habe ich rundheraus gefragt, ob sie Postkarten erhalten oder nicht. Nein – auch sie nicht. Gelegentlich zwar schon, aber eben nur so gelegentlich, dass es statistisch vernachlässigbar ist. Also keine Verschwörung.

Vielleicht ist es ja so, dass alle diese Postkarten zwar gekauft , aber nicht verschickt werden. Vielleicht gibt es Sammler mit genügend Geld, die durch die Läden streifen und ganze Bündel von Karten kaufen, um sie dann um’s Bett aufgestapelt zu horten. Wer weiss, es wird ja alles Mögliche gesammelt, Briefmarken sind nur der Anfang. Ich habe einmal jemanden kennengelernt, der altes Militärgerät aus den Weltkriegen zusammenträgt. In seinem Garten stehen Kanonen, Munitionsanhänger, Motorräder und ein Wachhäuschen. Im Innern des Hauses finden sich Gasmasken, Gewehre, Uniformen. Warum sollte es nicht auch Sammler von Postkarten geben?

Ich habe diese Idee aber wieder fallen gelassen. Erstens gibt es zwar Sammler von Postkarten. Aber von alten Postkarten, nicht von neuen. Zweitens bin ich darauf aufmerksam gemacht worden, dass es, um die ständige Produktion und den Verkauf von Postkarten am Leben zu erhalten, eine sehr grosse Anzahl von Sammlern neuer Postkarten geben müsste – eine unwahrscheinlich grosse Anzahl.

Es ist verflixt und ich finde keine Antwort auf meine Frage. Alles scheint mehr oder wenig wahrscheinlich zu sein, empirisch aber, oder durch einen logischen Schluss ist in dieser Sache nichts zu beweisen.

Der Gedanke, dass ich wieder vermehrt Postkarten zugeschickt bekommen würde, wenn ich selber mehr verschicken würde, der ist mir natürlich auch schon gekommen. Ich habe mir daher eine Zeit lang die Mühe gemacht, wo immer ich auch hinging, Karten und Briefmarken zu kaufen, sie mit Grüssen zu versehen und zu verschicken. Aber – ich war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr überrascht – hat auch das zu gar nichts geführt. Im wörtlichen Sinn: nichts, nada, nothingness.

Ein zweitletzter, rettender Gedanke ist mir gekommen. Was, wenn zwar alle die Postkarten zwar gekauft und sogar beschrieben werden, aber dann nicht abgeschickt? Wie oft habe ich nicht selber Briefe eingepackt, um sie zur Post zu bringen. Nur um beim Auspacken am Abend zu sehen, dass sie noch immer im Rucksack waren. Es scheint unendlich schwierig, etwas zur Post zu bringen.

Aber irgendwann ist es mir doch gelungen, die Briefe einzuwerfen. Warum also nicht auch Karten? Die letzte Möglichkeit drängte sich mir auf – die Post. Was macht sie eigentlich mit allen unseren Grusskarten? Mir fiel plötzlich ein: War es nicht immer schon so gewesen, dass ich von Freundinnen, Verwandten, Bekannten gefragt war: „Hast Du eigentlich meine Karte aus meinen Ferien bekommen?“ Nein hatte ich nicht. War ich nicht Zeuge gewesen von Gesprächen, in denen einer zum anderen gesagt hatte: „Aber ich habe dir doch eine Karte geschrieben!“ Hatte ich nicht selber Karten verschickt, die nie angekommen waren?

Die Post. Der Postkartenmoloch. Das gut gehütete Geheimnis des Weltpostvereins. Die Tat einer Gruppe Wahnsinniger, vereint in… ja, in was eigentlich? Hass auf Postkarten? Sammelwut? Freude am Unglück unschuldiger Menschen, die verzweifelt auf die kleinen Zeichen liebender Zuneigung warten? Eine international tätige Sekte mit abscheulichen Ritualen und wirren Theorien, in denen zufälligerweise Postkarten eine wichtige Rolle spielen? Ein Kreis der Magier der Postkarten?

Nicht, dass es nicht Wahnsinnige gäbe (man muss nur die Zeitung lesen), abscheuliche Rituale (dito) und wirre Theorien (Facebook, YouTube). Nur weil Verschwörungstheorien abstrus sind, heisst das noch lange nicht, dass die Gläubigen unrecht haben.

Aber auch wenn mich der Gedanke fasziniert, so ganz mag er mich nicht zu überzeugen. Ein klares Gegenargument gibt es zwar nicht, aber die Argumente dafür sind auch nicht besser als jene, die bereits verworfen habe. Immerhin scheint es weniger wahrscheinlich zu sein, dass die Post die Grusskarten zu geheimen Zwecken stielt, als dass der Grund für die Abwesenheit dieser Glücksbringer in meinem Leben ein anderer sein muss.

Meine Therapeutin rät mir „es auszuhalten“. Vielleicht verschwinde meine Frage eines Tages und das ist dann Antwort genug. Im Übrigen müssten wir alle mit offenen Fragen leben. Kennzeichen eines erwachsenen Umgangs damit sei es, das, worauf es keine Antwort gebe, in einer Art aktivem Agnostizismus zu ertragen. Ich denke: Postkarten! Warum schickt mir niemand mehr eine Postkarte?

Nik Ostertag

p.s. Gut zu wissen: Karten aus Deutschland, die vorn beschrieben sind, also auf der Bildseite, sind vor 1905 erschienen. Bis zu diesem Jahr gehörte die Rückseite allein der Adresse. Ab dann wurde die hintere Seite der Postkarte geteilt, wobei die linke Seite fortan Mitteilungen vorbehalten war und man vorn auf die Bildseite nichts mehr schrieb. (Quelle)

 

 

Paris 13 November 2015

Das Morden… Paris…

Das geht mir sehr nahe. Paris ist eine Stadt, der ich mich auf besondere Weise verbunden fühle.

Mir ist, als krümmte sich die Welt unter dem Schock eines heftigen Schlags. Als zitterte sie.

Die Welt. Meine Welt. Alles das, was ich kenne. Dort wo ich lebe. Das, was ich zu verstehen glaube. Mein Zuhause. Wen ich liebe.

Was getan worden ist an diesem Wochenende, zieht sich zusammen in das Wort „Terror“. Es ist ein sehr altes Wort mit Wurzeln im Indo-Europäischen. In seiner ursprünglichen Bedeuteung wird es mit „zittern“ und „schütteln“ übersetzt.

Ich kann diesem Zittern nicht ausweichen. Zu nahe liegt der Ursprung dieser Erschütterung – geografisch und persönlich. Wenn Menschen wahllos erschossen werden, ohne persönliches Motiv, ohne die Absicht einen bestimmten Menschen zu treffen, dann bin auch ich gemeint. Dann wird auch auf mich gezielt. Auf die Meinen. Ich habe Freunde in Paris.

Nicht ausweichen, aber doch auf der Seite des Lebens bleiben.

Vor längerer Zeit habe ich hier in der Schreiberei einen Text veröffentlicht mit dem Titel „Ermutigung„. Ich habe ihn wiedergelesen. Er hat mich selber daran erinnert, worum es mir in solchen schwierigen Momenten geht: Ermutigung. Die Hoffnung wieder fröhlich sein zu können. Mich über die kleinlichen Dinge des Alltags ärgern zu können. Mich an kleinen Dingen zu freuen. Übermüdet zu sein von zu viel Arbeit. Einen Kater haben. Alle die zehntausend Dinge, die zur verrückten Vielfalt gehören, die Leben ist. Mich selber daran erinnern: Wie schrecklich es sich auch immer gebärdet, das Töten ist immer klein, armseelig klein.

Ermutigung

Wie soll man dem Allem begegnen? Einfache Antworten sind nicht zu haben. Und das heisst: dem Allem mit Vielfalt begegnen.

Denn es ist ein Kennzeichen aller dieser Lust am Töten, dass in ihr die Vielfalt des Lebendigen reduziert wird auf einige einfache Vorstellungen des Lebens, der Menschen, der Welt. Und dass in ihnen alle Fragen schon gelöst erscheinen, alle Antworten schon gegeben sind: Man weiss, wer der Feind ist. Man weiss, warum er getötet werden soll. Man weiss, was die richtige Religion, die richtige Ideologie ist und wer sie hat.

Daher geht es darum, sich diesen Vereinfachungen und diesen Sicherheiten nicht zu beugen. Nicht vorschnell zu den eigenen richtigen Antworten zu gelangen. Nicht, es sich selber mit der Vielfalt und der Lebendigkeit des Lebens einfach zu machen. Was ich im Folgenden schreibe, ist keine Antwort auf alle die bewegenden Fragen, die sich angesichts den Grausamkeiten stellen, von denen ich durch die Medien, aber auch durch selber betroffene Freunde erfahre. Aber vielleicht eine Ermutigung.

Ich habe kürzlich mit einer guten Freundin über diese Lust an der Macht und der Gewalt gesprochen. Unser Gespräch fand seinen Abschluss darin, dass sie sagte: „Ja, und man kann nichts machen“. Es ist mir erst später eingefallen, dass das nicht stimmt. Abgesehen von der konkreten Hilfe, die man – wie auch immer – durchaus leisten kann, gibt es noch etwas anderes: man kann sich des Lebens freuen.

Viktor Frankel berichtet in seinem Buch „…trotzdem Ja zum Leben sagen“* davon, wie er und seine Mitgefangenen sich im Konzentrationslager Auschwitz am seltenen Gesang der Vögel erfreuten. An einer unerwartet spriessenden Blüte jenseits des Stacheldrahtes. Warum? Weil sie in diesem Augenblick die Erfahrung machen konnten, dass die Grausamkeit und der Tod trotz ihrer übermächtigen Gegenwart nicht das Einzige sind. Die Erfahrung, dass es lebendiges Leben gibt, das wertvoll und gut ist. Weil sie sich in diesen Augenblicken daran erinnern konnten, dass Mensch sein sich nicht in der Macht zum Quälen und zum Töten erschöpft. Dass Mensch sein unendlich viel mehr ist – selbst in dieser unerträglichen Situation.

Im Wort „trotzdem“ steckt der Trotz. Und diesen Trotz brauchen wir. Die Weigerung, uns in den Sog der Ungeheuerlichkeiten hineinziehen zu lassen. Aber auch die Weigerung, zu verdrängen und gleichgültig zu sagen: „Das geht uns nichts an“. Durch dieses Trotzdem erfahren und verstehen wir, dass es nicht nur dieses Eine gibt, das mit der Angst, die es verbreitet, lähmt und erdrückt. Ja, es wird totgeschossen – nicht weit von hier. Aber es gibt auch diesen Morgen, an dem die Sonne allmählich durch die Wolken bricht und die blühende Echinacea im Garten zum Strahlen bringt. Es gibt auch die Freunde, die mich anrufen und mich zu einem Essen treffen wollen. Es gibt auch Schuhe zu putzen. Es gibt den Handwerker, der eben gekommen ist, um im Keller den neuen Sicherungskasten zu montieren. Es gibt Solidarität. Es gibt Liebe und Liebespaare. Es gibt Kinder, die schlechte Noten nach Hause bringen. Solche, die hinfallen und weinen und getröstet werden wollen. Es gibt Rockkonzerte und Fussballspiele. Gute Bücher und schlechte Laune. Zärtlichkeit. Vergebung.

Es geht nicht darum, einer netten, etwas rosa eingefärbten Romantik das Wort zu reden. Oder der selbstgenügsamen Behaglichkeit, deren Lebenszufriedenheit darin besteht, es gut zu haben, solange ein Unglück nur die Anderen trifft.

Es geht darum, dass wir nicht, bedroht vom Hassen und Töten, das aufgeben, was das Leben lebendig und wertvoll macht.

Zu meinem lebendig sein gehört hier und jetzt, dass ich mir diese Lebendigkeit nicht zerstören lassen will. Mein Leben in der Verbundenheit mit allem was liebe, was mir wert ist, an was ich glaube. Die Freunde. Schönheit. Natur. Bücher. Freiheit. Also die ganze Vielfalt, die einem Menschen möglich ist dank seiner Neugier und seiner Zuwendung.

Das schliesst Besserwisserei aus und Anteilnahme ein. Das schliesst Gleichgültigkeit aus, lässt sich aber vom Mitgefühl nicht erdrücken. Das schliesst die Lähmung aus und macht wach. Das weist die Angst in ihre Schranken. Das beendet den Kleingeist und hofft auf Weite, auf neue Horizonte. Und vor allem sagt es: Wir lassen uns die Vielfalt des Lebendigen nicht nehmen. Wir freuen uns trotzdem am Lebendigen.

Keine Antwort, kein Rezept, keine Erklärung… . Aber eine Haltung, die von vielen Menschen in leidensvoller Zeit bezeugt ist. Die grossen Namen: Viktor Frankl, Dietrich Bonhoeffer, Nelson Mandela, Janus Korcac. Und die vielen, von denen wir nur wenig mehr wissen, als die kleinen Einblicke in ihr Leben, die uns überliefert sind. Und jene Frauen und Männer, von denen wir keine Ahnung haben.

Darin liegt eine Gegenmacht. In der verletzlichen Vielfalt eines lebendigen Lebens ist mehr Stärke als in der lebensverneinenden Ideologie des Schreckens. Wie das? Weil sie mehr ist. Weil sie mehr umfasst, einschliesst, anerkennt und liebt. Der Hass, die Lust am Morden, die Arroganz der Macht ist immer reduktionistisch. Das alles hat nur sich selber und ist darum im Kern hohl. Demgegenüber steht ein lebendiges Leben, das auf seiner Verbundenheit mit der Vielfalt der Welt insistiert. Es ist reich und im Innern erfüllt. Und es kann heilend wirken. Es sagt: nicht nur dagegen sein, sondern einstehen für etwas Besseres. Es sagt: Erinnert euch daran, dass das was Euch kostbar ist, lebt.

Nik Ostertag

 

Das ungekürzte Original findet sich hier: Ermutigung.

Kontrast

ExHardContrast - ©NikOstertag 16Ehe ich zum eigentlichen Thema komme: In so manchem Blog finden sich Einträge, in denen sich Autoren und Autorinnen dafür entschuldigen, dass sie seit längerem keine Zeit gefunden hätten, einen neuen Artikel zu posten. Und in den Regelwerken, die einem zu Glück und Ruhm und Geld durch das Wundermedium Blog verhelfen wollen, wird dringend darauf hingewiesen, dass man regelmässig posten müsse, wenigstens alle 14 Tage. Da es in der Schreiberei aber weder um Glück, noch um Ruhm und schon gar nicht um Geld geht – auch wenn das alles willkommen wäre – brauche ich mich ja nicht an diese Regel zu halten. Oder doch?

Es gibt sie natürlich, die Gründe, die mich am Schreiben und Fotografieren gehindert haben. Sie sollen aber hier nicht aufgezählt werden. Ausser einem, nämlich diesem hier:

www.nikostertag.ch

Neben der Schreiberei gibt es nun auch die „Beraterei“. Auf meiner neuen Homepage geht es um meine Tätigkeit als Berater, Coach und Projekter – vor allem dort, wo mit Jugendlichen gearbeitet wird. Das heisst in Schulen, Schulheimen, der offenen Jugendarbeit, in Integrationsangeboten, in der beruflichen Bildung, bei Behörden etc. etc. In diesem Bereich bringe ich rund 30 Jahre Erfahrung mit als Lehrer, Leiter und Berater. Insbesondere dort, wo es um Jugendliche mit Mehrfachproblematiken geht, also jenen, die landläufig als „schwierige Jugendliche“ bezeichnet werden. Schwierig sind sie in der Tat, denn sie haben es schwierig. Und ich arbeite gern im Schwierigen. Denn so sehr das Einfache uns mit Anderen und uns selber versöhnt, so kommen wir alle nur dann voran, wenn wir uns an das Schwierige wagen. Und das durchaus mit Freude.

Nun aber zur den Kontrasten. Wenn wir uns etwas ansehen, so formen wir uns lebendige Bilder, die uns die Welt als Wesen, Dinge und Räume zeigen. Sehen aber tun wir eigentlich nur Licht. Die Reflexion des Lichts auf der Oberfläche der Welt „da draussen“ erzeugt in unseren Augen Kontraste. Aus diesen formen sich in unserem Gehirn jene Bilder, die uns helfen, uns zu orientieren und die wir manchmal lange, nachdem wir sie gesehen haben, in Erinnerung behalten.

Diese Sache mit den Kontrasten hat mich immer fasziniert. Ich habe früh angefangen zu fotografieren und dort wird es besonders offensichtlich, dass sich alles Gesehene aus Kontrasten formt. Eine Stelle ist heller als eine andere. Eine andere ist dunkler als diese neben ihr. So wird im Bild ein Baum sichtbar, ein Gesicht, ein Fluss, der gar nicht da ist.

Mehr als nur im optischen Bereich, unser Leben spielt sich ab in einem Reich von Kontrasten. Wir sitzen an der Sonne auf einer Terrasse draussen und plötzlich kommt ein kühler Wind auf. Wir registrieren diese feine Veränderung sofort als einen Unterschied der Temperatur, die sich relativ zu vorher verändert hat. Wir kommen daher in guter Laune und betreten einen Raum in dem unter den Anwesenden eine schlechte Stimmung herrscht. Ohne genauer zu wissen, warum diese Leute übellaunig sind, verdunkelt sich auch unser Bewusstsein und wir schalten um von einer offenen Haltung auf eine vorsichtige. Oder wir sitzen am Computer und schreiben jemandem, den wir sehr gerne mögen, ein Mail. Dann – Kontrast – wir müssen uns an eine unliebsame Arbeit machen, die im Zusammenhang steht mit einem schwierigen Berufskollegen. Sofort verändert sich in unserem Körper etwas: eine gewisse heitere Leichtigkeit, die wir eben noch hatten, macht einer unangenehmen Schwere platz.

Aus Kontrasten formen sich Strukturen, bilden sich Raum und Zeit, werden Gegenstände, Menschen, wir uns selber.

Aus Asien, genauer aus dem Daodejing von Laozi kommt die philosophische Lehre zu uns, dass sich Alles was ist, aus relativen Kontrasten zusammensetzt. Alles ausser eben dem Tao, das sich als Absolutes von uns nicht begreifen lässt. Im zweiten Kapitel heisst es – kontrastreich:

Sein und Nichsein erschaffen einander
Schwierig und einfach ergänzen einander
Lang und kurz heben sich voneinander ab
Hoch und tief ruhen aufeinander
Stimme und Klang schwingen miteinander
Vorne und hinten folgen einander

(Daodejing – Übersetzung von Sylvia Luetjohann nach dem englischen Text von Gia-Fu Feng & Jane English)

In den vergangenen Monaten habe ich diesem Gedanken der relativen Kontraste in meiner iPhoneografie nachgeforscht. Pate stand dabei die App „Provoke Camera“ von Toshihiko Tambo. Der Entwickler hat sich dabei an den Fotografien von Daido Moriyama, Takuma Nakahira und Yutaka Takanashi aus den späten sechziger Jahren orientiert. Diese Fotografen haben damals die japanische Fotografie revolutioniert und sie international bekannt gemacht. Ihre Bilder zeichnen sich durch oft sehr harte hell-dunkel Kontraste aus, die zum Abgebildeten einerseits eine entrückte Distanz schaffen, andererseits sehr ausdruckstark sind; sie drängen sich einem auf. Der Vergleich ihrer Bilder mit der japanischen Tuschmalerei stimmt nur bedingt; trotzdem ist der Einfluss ist nicht zu verkennen.

Ich mache mir natürlich keine Illusionen darüber, dass meine eigenen Experimente die Fotografie nicht revolutionieren werden. Aber der Ansatz interessiert mich: Was verschwindet im ausgeprägten hell/dunkel eines konstrastreichen Bildes? Was wird wird erst dadurch sichtbar? Dieses Vorgehen hat auch einen Bezug zu meiner Arbeit. Oft geht es in einer Beratung ja darum, komplexe Sachverhalte so zu reduzieren, dass ihre Zusammenhänge erkannt werden können und wir in ihnen handlunsfähig werden. Das heisst: den Wald trotz der vielen Bäume sehen.

Für die technische Ausrüstung habe ich zunächst die genannte Provoke Camera benutzt, war dann aber unzufrieden mit ihren beschränkten Möglichkeiten und habe in einer anderen App, Hueless (immer wieder meiner Lieblingsfotoapp), verschiedene Einstellungen ausprobiert, bis ich schliesslich eine gefunden habe, mit der ich die gewünschten Effekte erzielen konnte.

Eine Auswahl der entstanden Bilder findet sich hier. Ohne weitere Worte.

30.4.2015 Nik Ostertag

Liedgeschichte

Der Central Park in New York im klaren und heissen Sommer 1970. Eine Frau, zwanzig Jahre alt, sie trägt eine Fransenjacke, ein Mittelscheitel teilt die braunen langen Haare, wird von einer Fotografin angesprochen, die sie fragt, ob sie in einem Film von Milos Forman mitspielen möchte. Sie möchte. Und damit beginnt die Geschichte, die hier zu erzählen ist.

Nina Hart arbeitet als Sekretärin bei den Golden Bough Productions, einer Firma, die trotz ihres mythologischen Namens nur kleine Träume verkauft: sie ist spezialisiert auf Lieder für Werbespots. Grösser sind die Träume der jungen Frau; sie will Schauspielerin und Sängerin werden.

Nach ihrer Zusage im Central Park wird sie Milos Forman vorgestellt. Sie spielt zwei Lieder. Ihm gefallen sie und er lädt sie zu einem Massencasting von Sängerinnen ein, das er später zerstückelt in seinem Film „Taking Off „ verwenden wird. Andere Talente sind da, etwa Carly Simon und Kathy Bates, aber Forman ist besonders beeindruckt von Harts ausdrucksstarkem Vortrag. So sehr, dass er sich entscheidet, ihr Lied „Love“ für die Eröffungssequenz seines Films zu verwenden.

Hilary Lipsitz, Gründer von Golden Bough, und das Team der Firma helfen Hart das Lied mit Band, Orchester und Chor aufzunehmen und die Lizenz rechtlich abzusichern. Das Lied wird bei BMI als Soundtrack zum Film Taking Off registriert unter den Titeln „Love,“ „I Believe in Love“ und „Taking Off“ und erscheint auf mindestens drei Platten von Paramount Records: in den USA, in Frankreich und in Italien.

Danach macht sich Nina Hart daran, ihre Träume zu verwirklichen. Sie setzt sich für eine Rolle in der Fernsehserie „As the World turns“ durch. Sie verlässt Golden Bough  – und tritt vorerst in unserer Geschichte ab.

Keine Ahnung von diesen weit zurückliegenden Ereignissen hat Tarsem Singh. Er ist dabei seinen vierten Film zu drehen, eine kluge Neuerzählung des Märchens vom Schneewittchen und den sieben Zwergen. Das Jahr ist 2011, der Ort Montreal und Tarsem spielt seiner Nichte ein Lied vor, das er als Kind in den frühen Siebzigern im Punjab, seiner Heimat, zum ersten Mal gehört hatte. Gesungen wird „I believe in Love“ von der iranischen Sängerin Googoosh in einer Pop-Funk Version. (Ein anderer Iran damals). Die Nichte ist hingerissen und spielt den Titel jeden Morgen, wenn sie unter der Dusche ist. Tarsem, der sein Zimmer gleich nebenan hat, hört mit. Er hat ohnehin vorgehabt, seinen Film mit einer Tanznummer enden zu lassen – nun hat er die Musik dazu gefunden.

Aber wer hat die Rechte an dem Stück? Niemand scheint darüber Auskunft geben zu können. Tarsem insistiert. Er will dieses Lied in seinem Film bringen. Einige Nachforschungen lassen vermuten, dass die Rechte im Besitz der iranischen Regierung sind. Tarsem sagt, das klinge ganz so wie etwas, das er lieber nicht glauben wolle. Bevor man völlig aufgibt, ruft ein Produktionsassistent Koo Abuali an, eine Musikerin, die einige Male für die Produktionsfirma in kleinen Projekten mitgearbeitet hat. Sie war eben, verführt von der Liebe und der Hoffnung auf ihren eigenen grossen Durchbruch von Los Angeles nach Montreal gezogen. Nun soll sie herausfinden, wem die Rechte an „I believe in Love“ gehören.

Abuali hat Glück. Googooshs Anwalt ist ein alter Bekannter von ihr aus Los Angeles. Doch nach diesem anfänglichen Erfolg verliert sich jede Spur, der sie nachgeht: das Iranische Konsulat, das Cannes Film Festival (wo Googoosh einst aufgetreten war), die Assistentin der Sängerin, zwei Komponisten, die damals mit ihr gearbeitet hatten, ihr Ex-Mann. An guten Ratschlägen hingegen mangelte es nicht. So etwa eine Liedtextsuche im Internet zu machen. Anstatt nach „I believe, I believe, I believe in Love“ zu suchen, sucht Abuali nach „Vabeli, vabeli, vabeli“. Sie findet einen Artikel in Portugiesisch, den sie sich von der automatischen Übersetzungsfunktion ins Englische transkribieren lässt. Das Geheimnis ist gelüftet: Das Lied der iranischen Sängerin ist eine Coverversion. Das Original findet sich in Milos Formans Film „Taking Off“. Die Rechte liegen bei der Komponistin Nina Hart. Abuali nimmt Kontakt auf mit Hilary Lipsitz, der ihr bestätigt, dass Golden Bough das Lied registriert hat. Juristisch ist der Fall klar, Lipsitz kann die Rechte verkaufen. Aber ihm es ist wichtig, Nina Hart zu finden, damit sie ihren Anteil an den Tantiemen erhält.

Lispsitz initiert eine grossangelege Suche: Anzeigen in relevanten Zeitschriften werden geschaltet, Online Suchdienste durchforstet, der Verstorbenen-Index der Sozialversicherung überprüft, schliesslich wird ein Privatdetektiv engagiert. Es ist die Suche nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen. Und es werden neun Monate vergehen, bis Nina Hart gefunden ist. Denn sie heisst nun nicht mehr Hart sondern Griffiths. Sie war verheiratet gewesen, nun ist sie zwar geschieden, hat aber den Namen ihres Mannes behalten. Sie arbeitete als Pilotin für eine grosse Fluggesellschaft, nun ist sie pensioniert und lebt an zwei Orten gleichzeitig: in Connecticut, wo ihre Mutter wohnt, und auf einem alten Segelschiff, das irgendwo vor der Küste Floridas liegt.

Nina Griffiths hat eine Schwester. Diese erhält eines Tages eine E-Mail von einem Cousin, der irgenwoher gehört hatte, dass Ninas Lied für den Film „Mirror Mirror“ verwendet werden soll. Sie leitet die E-Mail an Nina weiter zusammen mit einem Hinweis auf die Version von Googoosh, die auf YouTube zu sehen ist. Dazu bemerkt sie: „Man findet allerhand Seltsames im Internet“.

Nina beschliesst, sich telefonisch bei Lipsitz zu erkundigen, setzt ihre Absicht aber erst zwei Monate später um. Ihr Schiff ist in einem erbärmlichen Zustand und sie ist auf der Suche nach einem Haus am Strand, in das sie umziehen kann. Sie hat vorerst keine Zeit für „Seltsames aus dem Internet“.

Vom Telefongespräch wird überliefert, dass Nina erwartet hatte, sie würde sich lange erklären müssen, der Assistent von Lipsitz aber antwortete: „Oh, Hallo Nina, wir haben dich gesucht.“ Ganz so, als wären zwar 40 Jahre vergangen, aber sie nur mal kurz für einen Einkauf draussen gewesen.

Nachdem Tarsem Singh die Rechte des Lieds für seinen Film gesichtert hat, dreht er die Szene, die nun am Schluss von „Mirror Mirror“ zu sehen ist. Der Text des Lieds wird passend zur Geschichte vom Schneewittchen umgeschrieben, ein Remix à la Bollywood gemacht, die Melodie und der Refrain aber bleiben intakt. Alle Beteiligten freuen sich.

Oder fast alle. Um finanzielles Ungemach zu vermeiden, werden solch grosse Produktionen vor dem Kinostart einem Testpublikum vorgestellt. Im Fall von „Mirror Mirror“ ist das Resultat der Testvorführung gemischt. Zwar lieben die Jüngeren, die „Kids“, sowohl den Film als auch die Schlusszene, aber der Generation mit dem Portemonnaie gefällt die Bollywoodeinlage nicht. Man will nichts riskieren und es wird gegen den Willen des Regisseurs beschlossen, die Tanzszene zu streichen.

Wie es Tarsem Singh schliesslich doch noch gelang, das Studio umzustimmen, weiss ausser denen, die dabei gewesen sind, niemand so genau. Ob es eine besonders inbrünstige Art des Bettelns gewesen ist, eine Art Voodoo, vielleicht Erpressung, vielleicht eine Schlägerei? Behauptet wird, dass der Singh zu einem Mann namens Tucker Tooley gegangen sei, dem zuständigen Produzenten, und dort in seinem Büro einen „auf-einem-Knie“ Tanz vorgeführt habe. Tooley hätte sich erweichen lassen (oder Singh habe gesiegt): Schneewittchen, nachdem alles Böse besiegt und alles Gute gewonnen ist, singt und tanzt Bollywood. Und inzwischen ist das Lied, gesungen von Lily Collins, fast gleich alt wie damals Nina Hart, zu einem Hit geworden – unabhängig vom Film: „I believe in Love“ (Mirror Mirror).

Nachtrag in der Gegenwart

Der Film „Mirror Mirror“ erschien 2012. Manche halten ihn für ein Juwel. Ein subtiles, ironisierendes Spiegelspiel wird inszeniert, in dem in immer neuen Reflexionen Mythos, Märchen, Lebensklugheit, Filmgeschichte, Kulturkritik und vieles mehr gegeneinander fliessen. Der Film scheint alles, was er zu sagen hat, an der Oberfläche zu erzählen, und doch entzieht er sich einem raschen und eindeutigen Verstehen. Andere sehen in ihm nicht mehr als eine etwas verrückte Abendunterhaltung, je nach Standpunkt mehr oder weniger gelungen.

„I believe in Love“ hingegen erfreut ungeteilt. Insbesondere in den Spanisch sprechenden Ländern hat sich um das Lied ein eigentlicher Kult entwickelt. Im Internet werden Lehrgangsvideos von Choreografien des Lieds angeboten, private Coverversionen, iPhone Videos von Leuten, die zu dem Lied an allen möglichen und unmöglichen Orten tanzen und Vorführungen ohne Ende.

Bob Dylan schrieb in den Notizen zu seinem Album „Bringing it all back home“: „A song is anything that can walk by itself“. Recht hat er, der Altmeister. Lieder haben nicht nur ihre Geschichte, sie schreiben auch Geschichte. Oder wenigstens Geschichten.

Nik Ostertag

 

Quellen

Katie Calautti – ‚Mirror Mirror‘ Song Mystery: The Missing Woman Behind ‚I Believe in Love‘. The Huffington Post – online, 29.3.2012.
IMDB – Taking Off. Stand 2.2.2015.
IMDB – Mirror Mirror. Stand 2.2.2015.
DiscDogs: Nina Hart ‎– Taking Off (I Believe In Love). Stand 2.2.2015